Der Fangschuss mit der Kurzwaffe wird bei Jägern sehr kontrovers gesehen. Das liegt zum einen daran, dass die meisten Jäger im Umgang mit diesem eher selten zum Einsatz kommenden Waffentyp nicht so geübt sind. Zum anderen daran, dass im Vergleich zu den vertrauten Langwaffenkalibern deutlich weniger Leistung zur Verfügung steht. Um interessante Erkenntnisse aus Theorie und Praxis zu letzterem – und nur darum – geht es in diesem Artikel.
Grundlagen und Voraussetzungen
Um die selten rein objektiv diskutierten Kontroversen abschließend zu klären: Ja, wenn man eine Kurzwaffe für den Fangschuss einsetzen will, sollte man diesen Waffentyp auch unter körperlich anstrengenden Bedingungen reaktionsschnell und vor allem sicher beherrschen. Das gleiche gilt aber auch für die Langwaffe. Wer glaubt, der regelmäßige Einsatz der Waffe vom Hochsitz aus genügt als Training für den Fangschuss, kann schnell an seine Grenzen kommen.
Schwarzkittel-Medizin – besondere Herausforderungen beim Abfangen von Schwarzwild
In diesem Artikel geht es nicht um das schnelle, möglichst humane Erlösen eines angefahrenen Rehs am Straßenrand, sondern vor allem um die wesentlich kritischere Situation beim Abfangen von wehrhaftem Schwarzwild. Es gilt auch hier natürlich vorrangig der Grundsatz, das verletzte Wild mit so wenig Schmerz und so schnell wie möglich von seinen Leiden zu erlösen. Die besondere Situation stellt vor allem Kurzwaffenmunition vor deutlich höhere Anforderungen.
Praxiserfahrungen aus der Nachsuche
In diesem Artikel berichten wir von der theoretischen, technischen Seite in Verbindung mit den wertvollen Praxiserfahrungen des erfahrenen Hundeführers Maximilian Wiegand. Sein Griff zur Kurzwaffe als Mittel der Wahl bei bestimmtem Nachsuchen ist zwei wichtigen Faktoren geschuldet: zum einen besteht ein Großteil der Reviere, in denen er nachsucht aus steilen Hängen alter, verwilderter Weinberge mit dichtem Schwarzdorn, wo der Einsatz der Langwaffe teilweise nicht möglich ist, und zum anderen ist Maximilian genau wie sein Vater Max ein erfahrener, erfolgreicher IPSC-Kurzwaffenschütze, woher die sehr sichere Waffenhandhabung, inklusive etwaigem Ziehen aus dem Holster, auch in dynamischen Situationen herrührt.
Warum Hohlspitzgeschosse interessant wurden
Nachdem seit April 2003 in Deutschland Hohlspitzgeschosse für Kurzwaffenlaborierungen zur Verfügung standen, war auch für Maximilian klar, sich diese neue vielversprechende Munitionsalternative näher anzuschauen. Schließlich sagte man diesem Geschosstyp eine sehr gute Stoppwirkung, also schnellen und starken Effekt durch rasches Aufpilzen im Wildkörper nach. Das ist deshalb wichtig, weil man in dynamischen Situationen wie bei Nachsuchen auf wehrhaftes Wild nicht immer sicherstellen kann, das zentrale Nervensystem zu treffen, was alleinig sicher zu sofortiger Wirkung führen würde.

Hohlspitze alleine hilft nicht – erste Ernüchterung
Gesagt, getan: Er wählte als erstes eine Standard-Hohlspitzlaborierung, in diesem Fall von GECO, in seinem bevorzugtem Kaliber 45 Auto, welches er aus seiner bewährten 1911er Colt Commander mit 4,5“-Lauf verschießt. Mit 230 grs./14,9 g hatte dieses Geschoss auch eine hohe Masse, was für die notwendige Tiefenwirkung sorgen sollte.
Schwache Wirkung trotz früher Expansion
Doch leider schon beim ersten Einsatz auf Schwarzwild enttäuschte die Laborierung durch zu schwacher und verzögerter Wirkung bei Treffern von vorne in die Kammer (Brustraum). Was war geschehen? Beim Bergen der Geschosse zeigte sich, dass die Geschosse zwar wie erwartet sehr früh angesprochen hatten und auf fast doppelten Geschossdurchmesser expandiert waren, aber leider hatte sich der Mantel relativ früh vom Bleikern getrennt.
Ursachenanalyse der Geschosswirkung
Dem Hersteller ist in diesem Fall kein Vorwurf zu machen. Sind diese Konstruktion aus weichem Reinbleikern und dünnem Tombakmantel doch vornehmlich zum sportlichen Schießen und maximal dem Einsatz auf weichere Ziele gedacht. Was dann beim Auftreffen auf den Wildkörper passiert ist war, dass nicht nur das gesamte Geschoss zu schnell zu stark aufgepilzt ist, sondern dass sich auch der Mantel, der die Aufpilzfunktion zu einem guten Maß steuert, sehr früh von dem Bleikern getrennt hat. Dadurch wurde die Energie zu schnell abgegeben.
Tiefenwirkung und Gewebezerstörung bei Kurzwaffengeschossen
Das führt zum einen dazu, dass die Tiefenwirkung nicht sehr hoch ist, weil das sehr früh und stark aufgepilzte Geschoss, beziehungsweise hier sogar nach kurzem Weg nur der Bleikern, schnell im Wildkörper abgebremst wurde. Daraus resultiert eine nur geringe Gewebezerstörung und auch, dass lebenswichtige Organe zum Teil nicht erreicht wurden.
Dabei muss man bedenken, dass Kurzwaffengeschosse in aller Regel keine große temporäre Wundkaverne wie ein Büchsengeschoss erzeugen, weil dazu die Geschwindigkeit fehlt. Kurzwaffengeschosse wirken in erster Linie durch die Gewebezerstörung im Geschosskanal; und dessen Diameter wird durch den Durchmesser des aufgepilzten Geschosses aber eben auch nicht unmaßgeblich durch dessen Länge beeinflusst. Mehr Gewebezerstörung bedeutet einen schnelleren Abfall des Blutdrucks, der dann zur Bewusstlosigkeit und kurz darauf zum Tod führt.



Erfahrungen mit Vollkupfergeschossen – solide, aber zu steif
Es musste also auf ein Geschoss gewechselt werden, das kontrollierter, verzögerter aufpilzt und dadurch mehr Tiefenwirkung erzeugt. Auf der Suche danach fiel das 165 grs./10,7 g Magtech SolidCopper Hollow Point auf. Das Geschoss besteht komplett aus Kupfer, wodurch sich nichts trennen kann.
Konstruktion und theoretische Vorteile
Die große Hohlspitze und Einkerbungen sollen das zähere Material aufpilzen lassen. Dadurch, dass Kupfer ein geringeres spezifisches Gewicht als Blei hat, fällt das Geschossgewicht signifikant niedriger aus als für das .45er-Kaliber üblich ist. Im Gegenzug ist die Geschossgeschwindigkeit höher, was bei dem zäheren Material kein Nachteil ist.
Praxis: fehlende Expansion im Wildkörper
Beim ersten Einsatz der Laborierung fiel die Wirkung allerdings ebenfalls sehr bescheiden aus. Beim Bergen der Geschosse zeigte sich auch warum. Keines der Projektile hat bei Treffern von vorn in den Wildkörper aufgepilzt. Das Projektil von einem Knochentreffer zeigte sogar eine starke Einkerbung durch das Auftreffen auf das harte Material.
Mögliche Ursachen und Marktbeobachtung
Ein Grund dafür könnte neben dem verwendeten Geschossmaterial und der Ausführung der Kaverne auch die trotz des geringeren Gewichts immer noch sehr niedrige Geschwindigkeit sein. Eventuell auch ein Grund, warum Hersteller ihre Fabriklaborierungen mit ähnlichen Geschosstypen wie beispielsweise GECO Action Extreme, Barnes XP oder Hornady Handgun Hunter vornehmlich in stärkeren und schnelleren Kalibern anbieten.
FBI lässt grüßen – Orientierung an Zielballistiktests
Also musste weitergesucht werden. Dabei gerieten Projektile/Laborierungen in den Fokus, die beim FBI-ZielballistikTest gut abschneiden (siehe Artikel in der caliber 2/2017). Bei dem FBI-Test wird überprüft, ob ein Geschoss beim Beschuss von ballistischer Gelatine mit und ohne vorherigen Durchschuss verschiedener Barriere-Medien wie schwerer Kleidung, Trockenbauwand, Sperrholz, Autoglas oder Blech eine Mindesteindringtiefe mit möglichst hoher und gleichmäßiger Aufpilzung und Restgewicht erreicht.

Übertragbarkeit auf Schwarzwild
Einem Szenario, das dem Einsatz auf Schwarzwild mit möglichen Treffern sowohl ins weiche Gewebe als auch durch starke Knochen ähnelt.
Erfahrungen mit Speer Gold Dot
Die Speer Gold Dot war und ist eine der Patronen, die bei diesem Test sehr gut abschneiden und auch als Dienstmunition beim FBI und zahlreichen Behörden weltweit geführt wird.
Das Erfolgsrezept des Gold-Dot-Geschosses ist dabei die elektrochemische Verbindung von Mantel und Bleikern, die bei Speer und Federal, die beide zum Vista-Konzern gehören, perfektioniert wurde. Erfreulicherweise gibt es Gold Dot auch in vielen Kalibern inklusive der 45 Auto und Maximilian wählte die 230 grs./14,9 g Speer Gold Dot Personal Protection-Laborierung.
Grenzen der bonded Geschosse
Deren Wirkung war auf Anhieb deutlich besser, fiel aber immer mal wieder auch signifikant geringer aus. Auch hier konnten die geborgenen Geschosse Auskunft über die seltenen Ausreißer in der Leistung geben. Bei praktisch allen „Bonded“-Geschossen muss zur galvanischen Verbindung mit dem Mantel reines, weiches Blei verwendet werden.
Dadurch sprechen die Geschosse zwar in der Regel schnell an und durch die zähe Verbindung mit dem reinen Kupfermantel haben sie fast immer auch eine gute Tiefenwirkung. Die einzige Schwäche dieses Geschosstyps zeigt sich bei Treffern auf/durch harte Materialien, die dazu führen können, dass die Hohlspitze nicht wie gewünscht aufpilzt. Einige der aufgepilzten Projektile zeigen diese untypische Deformation, die dann zu weniger Energieabgabe und/oder Tiefenwirkung führen kann.

Bewährt im Dienst & Revier – Hornady Flex Lock
Die Frage stellte sich deshalb allen anderen Wettbewerbern, ob es möglich wäre, ein Geschoss zu konstruieren, das diese Nachteile nicht aufweist. Der innovative Hersteller Hornady entwickelte ganze 13 Jahre an einer Alternative.
Konstruktiver Ansatz
Im Laufe der zahllosen Tests hat sich herausgestellt, dass ein Weg über einen leicht gehärteten Bleikern geht. Da dieser ja nicht elektrochemisch mit dem Mantel verbunden werden kann, wählte man eine mechanische Verbindung. Diese besteht aus einem breiten Ring im Inneren des Tombak-Mantels, der darüber hinaus unterschiedliche Wandstärken aufweist, um den Aufpilzprozess kontrolliert zu steuern.
Flex-Lock-Technologie
Eine Konstruktion, die schon seit 1977 erfolgreich im Interlock-Jagdgeschoss eingesetzt wird. Abgerundet wird das „Flex-Lock“ genannte Geschoss durch den patentierten Elastomereinsatz in der Hohlspitze, der zum einen ein Verstopfen der Hohlspitze verhindert und zum anderen den Aufpilzprozess schnell und sicher einleitet.

Einsatz beim FBI und in der Praxis
Die Stärke diese Konstruktion liegt vor allem darin, dass sich das Geschoss beim Auftreffen auf harte Materialien nicht zusammenstaucht, sondern trotzdem aufpilzt und damit die gewünschte Zielwirkung entfaltet.
Das Geschoss wird in der Critical Duty-Munitionslinie angeboten und ist in der Zwischenzeit auch im Kaliber 9 mm Luger +P und in 40 S&W offiziell beim FBI als Dienstpatrone eingeführt. Zusätzlich gibt es sie in den Kalibern .357 SIG, .357 Magnum, 10 mm Auto und .45 Auto. Die 9 mm Luger-Laborierung hat als einzige der verfügbaren Kaliber aktuell noch keine CIP-Zulassung.
Praxiserfahrungen bei Nachsuchen
Beim Einsatz durch Maximilian zeigte sich die 220 grs./14,3 g Hornady Flex Lock Critical Duty-Laborierung in .45 Auto dann auch als sehr zuverlässig und wirkungsstark. Zum Teil wurden Eindringtiefen nach Treffern von vorne durchs Blatt bis hin zum Waidsack beobachtet. Die Stücke zeichneten von allen verwendeten Laborierungen am stärksten und gingen am schnellsten nieder.
Parallel dazu hat ein anderer Autor auch mehrere, sehr ähnliche Erfahrungen gemacht. Nach einer eher unliebsamen Begegnung mit einem aggressiven Überläufer, der erst nach dem fünften von allesamt potentiell tödlichen Treffern zum Ablassen überzeugt werden konnte, wurde auch hier die Wahl der Patrone neu überdacht.
Die verwendete Patrone, die 125 grs./8,1 g Remington Golden Saber in 9 mm Luger +P+ war ausgesucht worden, weil es die Hohlspitzlaborierung mit der gemessen stärksten Leistung aus der geführten SIG Sauer X-Five mit 4,4“/112 mm Lauflänge war. Leider hatte sich der Mantel eines jeden Geschosses sehr früh vom Bleikern getrennt und demnach auch nicht schnell genug zur gewünschten Wirkung geführt.
Auch hier keinen Vorwurf an den Hersteller, der das Golden Saber auch als „Bonded“-Projektil im Angebot hat, was sicherlich nach jetziger Erfahrung die bessere Alternative gewesen wäre. Nach dem Wechsel auf das Kaliber .45 Auto aus einer SIG P220 ebenfalls mit 4,4“/112 mm Lauflänge und der 220 grs./14,3 g Hornady Flex Lock Critical Duty-Laborierung fiel aber auch hier die Wirkung dann deutlich besser aus.

Ein über 100 kg schweres waidwundes Stück Schwarzwild, das nach dem Abbruch eines Angriffs durch den beherzt in den Riemen gesprungenen Wachtelhund bei der Nachsuche aufs Blatt und dahinter getroffen wurde, lag nach wenigen Metern.
Das erste Geschoss hatte bei etwa 2 m Schussentfernung beide Blätter (Schulterknochen) durchschlagen und wurde auf der gegenüberliegenden Seite unter der Schwarte gefunden. Es war gleichmäßig aufgepilzt und hatte nur 0,1 gr./1,5 grs. Gewicht verloren.
Das zweite Geschoss, das hinter dem Schulterknochen eingedrungen war, hat sogar den massigen Wildkörper komplett durchschlagen. Die Gewebezerstörung der beiden dabei durchdrungenen Lungenflügel ist für eine Kurzwaffe sehr beeindruckend.
Die Patronen im Kaliber 45 Auto im Test
| Patrone | v2* | E2* | Bemerkung |
|---|---|---|---|
| 165 grs./10,7 g Magtech Sold-Copper Hollow Point | 335 m/s | 600 Joule | Monolithisches Kupfer-Hohlspitzgeschoss, wird nicht mehr hergestellt |
| 230 grs./14,9 g Speer Gold Dot Personal Protection | 271 m/s | 547 Joule | Galvanisch verbundener Bleikern und Mantel mit offener Hohlspitze |
| 220 grs./14,3 g Hornady Flex Lock Critical Duty | 297 m/s | 629 Joule | Mechanisch verbundener, gehärteter Bleikern und Mantel mit Elastomerspitze |
| 230 grs./14,9 g GECO Hohlspitz | 260 m/s | 503 Joule | Hohlspitz-Laborierung für den Sport, ohne terminalballistische Eigenschaften |
* aus 5″-Messlauf
- GECO Hohlspitz – wenig (Tiefen-)wirkung
- Magtech Sold-Copper Hollow Point – gute Penetration aber noch weniger Wirkung
- Speer Gold Dot (Bonded) – nochmals besser aber in Extremsituationen inkonstant
- Hornady Critical Duty – gute Penetration und gute Energieabgabe
Fazit zur optimalen Fangschusspatrone für die Kurzwaffe
Die Geschosskonstruktion ist bei Einsatz als Fangschusspatrone, besonders beim Abfangen von annehmendem Schwarzwild, offensichtlich wichtiger als das Kaliber. Das Wichtigste ist die Kombination von ausreichender Penetration mit möglichst starker Wirkung.
Mit Wirkung ist die Umsetzung der Geschossleistung in Gewebezerstörung gemeint. Dieser Bericht zeigt auch, wie schnell sich Laborierungen durch die Erfahrungen der Jägerschaft in der Praxis als geeignet herauskristallisieren.
Bei der Verwendung von Dienstmunition sollte man nicht außer Acht lassen, dass diese für sogenannte Full-Size-Pistolen mit 4,4“/112-mm- bis 5“/127-mm-Lauflänge gedacht ist. Bei deutlich kürzeren Läufen kann die Leistung deutlich geringer ausfallen.
Text und Fotos: Jens Tigges, Maximilian Wiegand, Jens Bork

